Entscheidung am Nordpol

Teil 1: Unerkanntes Wiedersehen

© 2003 by Lady Raven


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"Seseragi-sensei!"

Der junge Mann schreckte aus seinem Halbschlaf hoch, streckte sich und gähnte. "Seseragi-sensei!" Die penetrante Stimme wollte nicht aufhören, seinen Namen zu rufen.

"Ich bin ja wach", seufzte er und rieb sich die Augen. "Was gibt es neues, Sorako-san?"

Die dunkelhaarige Frau mittleren Alters schob ihre Brille ein Stück die Nase hoch und schüttelte den Kopf. "Ich wette, Sie haben wieder bis tief in die Nach hinein ihre Experimente im Glashaus drei gemacht, nicht wahr?"

Seseragi senkte den Kopf und ein paar Strähnen seines hellbraunen Haares fielen im über die Augen. "Wusste ich es doch! Dabei muss die Arbeit für Takei-sensei bis heute abend fertig sein. Wie wollen Sie das noch schaffen?"

"Mit viel Kaffee, Sorako-san, mit viel Kaffee", grinste Seseragi und hob die Kanne hoch. "Würden sie mir bitte einen neuen machen?"

Sie verdrehte die Augen zur Decke des niedrigen Raumes. Wenn Seseragi nicht so ein hilfloses Lächeln hätte und nicht so charmant wäre, könnte er sich seinen Kaffee selber machen. Immerhin war sie ja Bibliothekarin und nicht seine Sekretärin.

"Na gut, aber nur ausnahmsweise. Sie wissen selbst, wieviel von dieser Arbeit abhängt. Nur ein Assistent darf Takei-sensei auf die Expedition begleiten und sie brauchen diese Erfahrung dringend für ihre neue Facharbeit. Das haben Sie mir selbst gesagt."

Seseragi grinste noch breiter. "Ja, ja ... ich weiß." Er zog den Stapel Bücher zu sich heran und überflog die Titel. "Hmmm... war da nicht noch ein Buch über Coniferae dabei?"

Nun war es an der Bibliothekarin zu Boden zu schauen. "Tut mir sehr leid, Seseragi-sensei, aber diesen Band hat gerade kurz vor ihnen jemand ausgeliehen."

"Was? Diesen Band hätte ich so dringend gebraucht, habe ich Ihnen nicht schon vor drei Tagen ein Fax geschickt, damit sie mir ALLE nötigen Bücher zur Seite legen?"

Seine ehrliche Entrüstung in seinen dunklelgrau-grünen Augen ließ Sorako kleiner und kleiner werden. "Aber ... der Doktor Kiyoi wollte es nur ganz kurz mal haben, um etwas nachzuschlagen..."

"Pah!" Seseragi raufte sich die schulterlangen, gewellten Haare. "Wie soll ich jetzt die Arbeit zu Ende schreiben? Es fehlen mir noch gut drei Seiten und ich brauche diesen Band."

"Ich könnte Ihnen einige andere Werke zu diesem Gebiet heraussuchen", bot Sorako hastig an.

Doch Seseragi schüttelte den Kopf. "Sie wissen so gut wie ich, wie sehr Takei-sensei es hasst, wenn man andere als seine Lieblingsautoren zitiert." Mit einem Seufzen stand er auf. "Dann geben Sie mir mal bitte die Addresse und Telefonnummer, dieses Kiyoi. Er muss neu hier sein, denn der Name sagt mir nichts. Vielleicht kann er mir den Band wenigstens so lange borgen, bis ich meine Arbeit fertig habe."

Sorako verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. "Tut mir wirklich sehr leid, aber das kann ich nicht tun und das wissen Sie so gut wie ich."

"Dann rufen Sie ihn an und tragen ihm mein Anliegen vor!" Seseragi war wirklich verzweifelt. Er hätte gestern längst nicht soviel Zeit mit seinem Lieblingsprojekt verbracht, wenn er diese Schwierigkeiten heute vorausgeahnt hätte. Natürlich könnte er in die nächste Buchhandlung stürmen, aber nur mit ein paar Hundert Yen in der Geldbörse war das nicht so ratsam. Oder aber er könnte im Internet nach einer Zusammenfassung der gesuchten Seiten suchen, doch für Zitate brauchte er den Originaltext. Wort für Wort.

In diesem Moment näherten sich auf dem Flur Schritte und jemand klopfte an die Tür des Leseraumes, den sich Seseragi hatte reservieren lassen.

Erleichtert über die Ablenkung öffnete Sorako die Türe. "Kiyoi-sensei! Sie kommen wie gerufen!" "Kiyoi? Seseragi rannte zur Türe und blickte über Sorakos Schulter. Er hatte einen kleinen, rundlichen Bücherwurm erwartet, aber Kiyoi war großgewachsen, schlank und seine kurzen, weißen Haare ließen ihn älter wirken. Der Blick aus den hellblauen Augen war kühl und abschätzend. Wäre die gebräunte Haut nicht gewesen, die auf eine südliche Herkunft deutete (Okinawa?), hätte er das Idealbild eines Aristokraten abgegeben. Einen Moment lang verspürte Seseragi ein sonderbares Gefühl, fast so, als müsste er Kiyoi schon mal begegnet sein dann fiel sein Blick auf das Buch, das dieser in der Hand hielt.

"Der Band über die Coniferae!", rasch schob er Sorako zur Seite. "Kiyoi-san, wären Sie so freundlich, mir den Band für ein paar Stunden zu überlassen?"

Kiyoi, schüttelte das seltsame Gefühl des Wiedererkennens ab, das ihn beim Anblick des eifrigen, jungen Botanikers für einen Atemzug befallen hatte, und zog eine schmale Augenbraue hoch. "Wer ... ist ... das?", fragte er zu Sorako gewandt und ein minimales Nicken in Seseragis Richtung zeigte, wen er meinte.

Seseragi schluckte. So herablassend war er noch nie behandelt worden. Ein gefährliches Funkeln erschien in seinen Augen und automatisch griff er nach einer Haarsträhne, die sich wie immer aus seinem Pferdeschwanz gelöst hatte und wickelte sie um einen Finger, während er an der Unterlippe nagte. Dieses feminine Verhalten hatte ihm mehr als einmal Spott eingetragen und während seiner Schulzeit hatte er in der Theatergruppe meist weibliche Rollen zugeschanzt bekommen.

"Das, ähm ... das ist Seseragi-sensei. Er ist Botaniker wie Sie und bewirbt sich um eine Assistentenstelle bei Takei-sensei." Es war ihr sichtlich peinlich, aber die Art wie Seseragi sich vernehmlich räusperte, sprach Bände und so fuhr sie fort: "Er hat vor drei Tagen schon den Band bestellt, aber als Sie vorgestern sagten, sie wollten ihn nur kurz ausleihen, da habe ich..." Sie schwieg und sah betreten zu Boden.

"Sie haben mir den Band gegeben und gehofft, ich würde ihn heute wieder zurück geben." Ein schmales Lächeln spielte um seine Lippen. Der Klang seiner Stimme jagte einen Schauer nach dem anderen über Seseragis Rücken, aber nur weil dieser arrogante Kerl gut aussah, hieß es noch lange nicht, dass er, Seseragi, ihm den Band überlassen würde.

"Sie sehen also", ergriff Seseragi das Wort, "dass ich das erste Recht auf dieses Buch habe und da Sie es mitgebracht haben, wollen Sie es doch sicher zurück geben, nicht wahr?"

"So..? Will ich das?" Kiyoi schien es teuflischen Spaß zu machen Seseragi wütend zu machen. "Die Verleihfrist ist eine Woche und da ich mich ebenfalls um diese Stelle bewerbe, wäre es vielleicht ratsam, den Band noch ein paar Tage zu behalten..."

Seseragi schluckte. "Das wäre unfair!", protestierte er. "Ich bin mit meiner Arbeit noch nicht fertig." "Umso besser..." Wiederum dieses sparsame Lächeln.

Seseragi wandte sich an Sorako. "So sagen Sie doch etwas, Sorako-san!"

Sie nickte und neigte bittend den Kopf. "Kiyoi-sensei, bitte lassen Sie Seseragi-sensei die Arbeit beenden. Sonst komme ich in Teufels Küche, wenn er sich bei der Leitung der Universität beschwert." Sein Gesichtsausdruck wurde kein bisschen weicher.

Innerlich kochend vor Zorn funkelte Seseragi Kiyoi an. "Könne es sein, dass Sie Angst haben, Ihre Arbeit sei gegenüber meiner minderwertig und hätte bessere Chancen, wenn meine nicht fertig wird?" Kiyois Miene kühlte noch weiter ab. "Wenn sich hier jemand nur nicht zu wichtig nimmt..." Mit einem verächtlichen Lächeln ließ Kiyoi den Band in Sorakos ausgestreckte Hände fallen. "Betrachten Sie den Band als retourniert." Sein Blick fixierte Seseragi. "Reichen Sie Ihre Arbeit ruhig ein, Seseragi-kun. Ich schätze, der Professor hat gern etwas zu lachen..."

Damit drehte er sich um, und ließ eine erleichterte Sorako sowie einen vor Wut schäumenden Seseragi zurück. "Etwas zu lachen, wie?", knurrte Seseragi und Sorako, die den sonst immer heiteren Seseragi noch nie auf diese Weise erlebt hatte, verabschiedete sich rasch, nachdem sie das Buch auf seinen Stapel gelegt hatte.

Seseragi spürte, dass er nun keinen Kaffee mehr brauchte, um den Rest des Tages wach zu bleiben. Entschlossen überflog er auf dem Bildschirm seines Laptops die ersten paar Seiten seiner Arbeit und löschte mit grimmigem Gesicht die ganze Datei.

Das würde eine Arbeit werden, von der die Studenten noch in zehn Jahren schwärmten. Mindestens

Es war schon finster, als er endlich seinen Laptop zuklappte, sich streckte und die Augen rieb. Die Arbeit war fertig und definitiv das beste, was er seit langem geschrieben hatte. Dieser hochnäsige Fatzke würde Augen machen....

Seseragi speicherte die Arbeit gleich auf mehreren Disketten und CD-Rs ab, damit sie nur ja nicht verloren ging.

Eine der Disketten legte er vor Sorako hin, die alle halbe Stunde auf die Uhr geschaut hatte. "Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, Sorako-san. Hier ist die Arbeit. Würdest du sie für mich aufbewahren und vielleicht gleich morgen ausdrucken?"

Sorako unterdrückte einen Seufzer. Sie hätte schon vor Stunden die Bibliothek dicht machen können. "Versprechen Sie mir, dass eine ihrer Blumen mal meinen Namen bekommen wird!", sagte sie halb ernst, halb im Scherz.

In Seseragis Augeln glitzerte es amüsiert. "Aber ja doch, ich werde meiner ersten Lilie Ihren Namen geben."

Sie gab das Lächeln zurück. "Eine schöne Lilie?"

"Die allerschönste."

Die Diskette wanderte in ihre persönliche Schublade und wurde eingeschlossen. Während Sorako die Lichter in der Bibliothek löschte und die Türen abschloss, schlüpfte Seseragi in seinen dunklen Mantel und wickelte den Schal fest um den Hals.

Höflich wartete er bis auch Sorako soweit war und sie gemeinsam aus dem Gebäude traten. Die letzte Tür wurde abgeschlossen und über ihnen glänzten die kalten, fernen Sterne der Winternacht. "Ich wünschte mir, wir hätten bereits wieder Frühling", murmelte Sorako und zog sich ihre Fäustlinge über. "Der Winter hat schon lange genug gedauert."

"Wir haben doch erst in zwei Wochen Weihnachten", lachte Seseragi. "Stimmt, es hat dieses Jahr bereits Anfang Oktober die ersten Fröste gehabt und gleich danach geschneit, aber bis zum Frühling wird es dennoch mindestens bis Februar dauern."

"Seseragi-sensei", Sorako stand der Atem als kleine Wolke vor dem Gesicht, "warum sind Sie so versessen darauf, unbedingt Blumen züchten zu wollen? Ist das nicht eher eine Aufgabe für Gärtner?" Seseragi zog seine Kunstpelzmütze zurecht und hauchte seine klammen Finger an. "Ich kann es nicht klar sagen", meinte er nach einer Weile. "Es ist mehr so eine Gefühlssache. Irgendwie hat sich schon zu meiner Studienzeit irgendwie die Gewissheit in mir festgesetzt, dass vor langer Zeit mir jemand in einer schweren Stunde einen bitteren Abschied durch die Schönheit von ganz besonderen Blumen erleichtert hat. Es mag komisch klingen, aber ich spüre, dass ich diesem Jemand näher kommen kann, wenn es mir gelingt, ähnlich schöne Blumen zu erschaffen."

"Und Sie wissen nicht mehr wann das war und wer diese Person gewesen ist?" Seseragi schüttelte den Kopf. "Ich habe alle meine Verwandten gelöchert, aber niemand kennt eine Szene wie diese aus meiner Kindheit, die ich vergessen haben könnte. Meine Eltern kann ich nicht mehr fragen, da sie vor vielen Jahren bei einem Unglück in den Bergen ums Leben gekommen sind."

Langsam setzten sich die beiden in Bewegung. Bei der ersten Kreuzung trennten sich ihre Wege. "Wissen Sie", sagte Sorako nachdem er ihr eine gute Nach gewünscht hatte, "vielleicht ist es gar keine Erinnerung an ihr jetziges Leben."

"Ein früheres Leben?", Seseragi klang mehr als skeptisch. "Das ist doch Aberglauben!" Sorako erwiderte nichts, neigte nur kurz den Kopf zum Abschied und ging ihrer Wege.

Seseragi rieb sich die Stirn und sah ihr kopfschüttelnd nach. Frauen! Immer bereit auf Hokuspokus statt auf hieb- und stichfeste Tatsachen zu setzen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es höchste Zeit war, falls er die letzte U-Bahn nicht verpassen wollte. Mit weiten Schritten stapfte er die Straße entlang. Verflucht! Er hätte eben nicht so lange quatschen dürfen. Der Verkehr war um diese Uhrzeit zwar spärlich, aber durch die vielen Baustellen kamen die Autos nur langsam voran. Kein Wunder, dass viele ihre Fahrzeuge zuhause ließen und lieber die U-Bahn nahmen, die im Gegensatz zu vielen Gebäuden und Straßen durch das "Unbenennbare Naturphänomen", das vor einem halben Jahr die Stadt heimgesucht hatte, unbeschadet geblieben war.

Unbenennbares Phänomen, Pah! Seseragi hatte damals nicht viel von dieser Definition gehalten und tat es auch heute noch nicht. Tatsache war, dass viele Menschen ohne Grund auf offener Straße zusammengebrochen waren. Tatsache war, dass eine Dunkelheit die Stadt eingehüllt hatte und diese Lichter, sowie die Erdstöße... sollten die anderen nur an Außerirdische, Dämonen oder sonst was glauben, er war sicher, dass es eine andere Erklärung gab, auch wenn er sie noch nicht gefunden hatte.

Vor einer kleinen, verwinkelten Gasse hielt er inne. Wenn er hier durchging, könnte er vielleicht geradewegs vor dem Eingang der U-Bahnstation herauskommen... Es konnte nichts Schlimmeres passieren als dass er umkehren müsste und die U-Bahn verpasste.

Gedacht, getan. Der junge Botaniker bog in die Gasse ein und stürmte mit langen Schritten über das mit Unrat übersäte Pflaster. Man merkte, dass die Stadtverwaltung manches im Argen ließ, um sich um ihre Großprojekte zu kümmern. In dieser kalten Jahreszeit waren außerhalb der U-Bahnsteige kaum Kartonheime der Obdachlosen anzutreffen und so kam er rasch voran. Gerade, als er dachte, dass ihn nur noch wenige Schritte vor der Hauptstraße trennten, tauchte seitlich eine vermummte Gestalt auf, die an einem wackeligen Tisch saß und mit ihren bloßen Händen eine Kristallkugel streichelte.

"Du lieber Himmel", entfuhr es ihm. "Bei der Kälte sollten Sie nicht im Freien sein."

Die alte Frau hob den Kopf und ihre Augen, deren milchiger Film verriet, dass sie nicht sehen konnte, schienen ihn zu suchen.

"Wollen Sie sich nicht du Zukunft vorhersagen lassen, junger Herr?", fragte sie nuschelnd und schenkte ihm ein zahnloses Lächeln.

Angesichts ihrer dürren Finger schluckte er und durchsuchte seine Geldbörse. Er hatte zwar ein Monatsticket für die U-Bahn, doch mit dem Rest würde er nicht weit kommen. "Ich kann kaum was bezahlen, Oma", sagte er seufzend und legte seine letzten Yen auf den Tisch.

Ihre Finger fuhren über die Münzen und sie nickte. "Mehr brauche ich nicht." Sie legte eine Hand auf seine und die andere auf die Kugel und murmelte ein paar unverständliche Worte. Natürlich blieb die Kugel so leer wie zuvor, Wahrsagen war ja auch nur ein Hokuspokus für gutgläubige Narren. Dennoch, er konnte spüren, dass die alte Frau ein Almosen ablehnen würde und so ließ er es geschehen. Obwohl sich in der Kristallkugel nichts tat, arbeitete es im Gesicht der alten Frau und ihre blinden Augen schienen in dem Glas etwas zu sehen, was ihm verborgen blieb. Nach ein paar Atemzügen ließ sie seine Hand los und ihre Hände fuhren ziellos über das blanke Glas. Seseragi konnte nicht sagen, warum, aber die Art, wie sie die Hände bewegte, erweckte in ihm ein dumpfes Unbehagen. Verärgert über seine unbegründete Reaktion schloss er kurz die Augen, um sich zu sammeln. Hände, die sich um eine dunkle Kugel bewegten, junge Hände mit langen, roten Nägeln, die wie Krallen aussahen ... Woher kam dieses Bild? Warum bildete sich bei dem Gedanken daran ein eisiger Knoten in seiner Brust?

"Schlimm..." Die krächzende Stimme der alte Frau brachte riss ihn aus seinen Gedanken. Der Botaniker rieb seine kalten Hände und versuchte nicht ungeduldig zu klingen, als er fragte: "Was ist denn so schlimm?"

"Sie haben schon mehr als ein Leben gelebt", sagte die Wahrsagerin.

Hatte Sorako nicht etwas Ähnliches gesagt? Seseragi schüttelte den Kopf. "Da bin ich bestimmt nicht der einzige, wenn man an so was glaubt, dann trifft es jeden und ist nichts Besonderes."

"Aber Ihr erstes Leben wird mit Ihrem zweiten um Ihr drittes kämpfen. Sie werden zerrissen sein, Sie werden leiden und Ihr Leben verlieren."

Eines musste der Neid der alten Frau lassen, sie klang wirklich überzeugend. "Und was soll ich deiner Meinung nach tun, Oma?", fragte er skeptisch.

"Finden Sie Ihren Platz in diesem Leben! Suchen Sie nicht nach den Spuren der anderen Leben und vor allem...", sie beugte sich weit vor, "... reisen Sie nicht zum Nordpol!"

Seseragi zuckte zusammen. Woher wusste die Alte davon? Er sog scharf die Luft ein. Natürlich ... dass er nicht gleich darauf gekommen war! Dieser Kiyoi hatte sie auf ihn angesetzt! Einen Atemzug später verwarf er den Gedanken wieder. Nein, so arrogant wie dieser Kerl tat, war er sich seiner Überlegenheit so sicher, dass er bestimmt nicht zu solche einem Mittel greifen würde.

"Vielen Dank", murmelte Seseragi, deutete eine Verbeugung an, obwohl sie ihn nicht sehen konnte, drängte sich an ihrem Tisch vorbei und durchmaß den Rest der engen Passage mit schnellen Schritten. Als er auf die Hauptstraße trat, konnte hörte er die alte Frau ein letztes Mal rufen: "Meiden Sie den Nordpol!"

Verwirrt und gleichzeitig auch verärgert stolperte er eiligst in Richtung U- Bahn. Natürlich war die letzte Bahn längst abgefahren. Da er keinen einzigen Yen mehr in der Tasche hatte, würde er nach Hause laufen müssen. Und das in dieser bitteren Kälte.

Mit grimmigem Gesicht machte er sich auf den Fußmarsch. Seine bescheidene Behausung lag am leider in einem der Randbezirke und bis er dort war, würde wahrscheinlich schon die Sonne aufgehen. Vielleicht sollte er sich einfach ein warmes Plätzchen suchen und dort die Stunden verdösen.... Aber wenn er wegen Landstreicherei verhaftet wurde, konnte er seine Arbeit nicht mehr rechtzeitig einreichen.

Er bog in eine Seitenstraße ein und überlegte, ob es sich lohnte, es als Anhalter zu versuchen. In diesem Moment hielt ein Auto mit quietschenden Reifen neben ihm. Mit leisem Summen senkte sich eine der Fensterscheiben und er konnte einen Blick auf den Fahrer erhaschen, dessen kalte, blaue Augen spöttisch über seine armselige Gestalt glitten. "Noch auf der Suche nach einer genialen Idee für eine einfallslose Abhandlung?", fragte Kiyoi gelangweilt.

"Nein", antwortete Seseragi mit bissigem Unterton. "Ich habe meine geniale Abhandlung längst fertig. Wenn ich nicht die letzte U-Bahn verpasst hätte, wäre ich schon zuhause."

"Sie einer an, die Maus zeigt Zähne!", ein amüsiertes Lächeln spielte um die schmalen Lippen. "Da will ich mal nicht so sein und das belohnen." Er trat auf die Bremse und öffnete die Beifahrertür. "Ich bringe Sie nach Hause, Seseragi-kun." Zähneknirschend, weil er wusste, dass dies wohl seine letzte Chance war, noch ein paar Stunden Schlaf zu retten stieg Seseragi ein und schnallte sich an. Er nannte seine Adresse und bedankte sich höflich.

"Nun werden Sie mal nicht gleich wieder zahm, sonst ist es ja langweilig", kam es von Kiyoi, der sichtlich seine Freude an Seseragis Unbehagen hatte. Dieser jedoch hatte sich soweit wieder gefangen, dass er sich zurücklehnte und die Wärme im Auto genoss. Den Teufel würde er tun und Kiyoi hier die Stirn bieten, sodass dieser ihn einfach irgendwo aus dem Auto werfen konnte. Nun ja, ein Seitenblick auf das herrische Gesicht des Fahrers ließ seine Sicherheit schwinden. Dieser launische Snob würde ihn wahrscheinlich allein fürs Atmen wieder am Straßenrand absetzen.

Entschlossen nahm Seseragi die Pelzmütze ab und warf einen Blick in den Rückspiegel. Seine Haare waren mal wieder ein komplettes Durcheinander. Einem "richtigen Mann" dürfte so etwas nichts ausmachen, hatten ihn seine Studienkollegen immer wieder gehänselt. Seseragi unterdrückte einen Seufzer. Wenn er einen großen Fehler sein eigen nannte, dann seine Eitelkeit. Er fischte einen Kamm aus seiner Manteltasche und brachte seine Haare wieder in Ordnung. Da er absichtlich jeden Seitenblick vermied, bekam er nicht mit, wie sich Kiyois Augen kurz weiteten, als er Seseragis feminine Gesten beobachtete.

Zuvor in dem Bibliotheksraum war es zu duster gewesen, als dass er seinen jungen Konkurrenten näher in Augenschein hätte nehmen können. Doch nun ... dieses hellbraune Haar, das mal sandfarben, mal fast dunkelblond zu sein schien, diese Augen, dieses stürmische Graugrün, das an ein aufgewühltes Meer erinnerte... Er presste die Lippen zusammen und umklammerte das Lenkrad fester. Was hatte er nur für seltsame Gedanken. Wurde höchste Zeit, dass er sich wieder mal mit ein paar netten Studentinnen traf. Verärgert schob er den Gedanken beiseite, dass all seine Beziehungen kurz gewesen waren, weil er seine Gefühlskälte einfach nicht verbergen konnte. Und nun das ... noch nie hatte er einen anderen Mann attraktiv gefunden. Sie waren alle wie Gorillas in seinen Augen, rochen schlecht und hatten noch schlechtere Manieren, primitiv und ohne Stil. Doch dieser Seseragi hier, er hatte etwas an sich, das Kiyoi einfach nicht benennen konnte. Da es ihm nicht gefiel, dass irgend jemand, egal wer, sein ruhiges kaltes Innenleben durcheinanderbrachte, spielte er mit dem Gedanken, diesen Störfaktor bei der nächsten Kreuzung aus dem Wagen zu befördern. Doch die nächste Kreuzung war da und er sagte nichts. Verbissen starrte er geradeaus, konzentrierte sich auf den Verkehr und ignorierte Seseragi so gut er es vermochte.

Dieser wiederum spürte ganz deutlich, dass irgend etwas in Kiyoi vorzugehen schien. Als sie jedoch Kreuzung um Kreuzung passierten, ohne dass der Fahrer ein Wort verlor, zuckte Seseragi in Gedanken die Achseln. Was immer Kiyoi für Probleme hatte, sie hatten offenbar nichts mir ihm, Seseragi, zu tun.

Nach gut einer Dreiviertelstunde Fahrt hielt der Wagen mit quietschenden Reifen vor dem heruntergekommenen Apartmentkomplex. Seseragi murmelte einen hastigen Dank und war froh, aus dem Wagen zu entkommen. Er stieg aus und setzte seine Mütze wieder auf. Zu seiner Verwunderung verließ Kiyoi ebenfalls den Wagen und blickte die graue, fleckige Betonmauer hoch. "In diesem Rattenloch haust du also, irgendwie passend."

Der sandhaarige Botaniker hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge, schluckte sie aber hinunter und beschloss, diesen Rüpel von einem Snob einfach mit Nichtachtung zu strafen. Ohne eine Erwiderung ging er um den Wagen herum und auf die Eingangstüre des Blockes zu. Seine Hand suchte in der Manteltasche nach dem Schlüssel, da hörte er hinter sich hastige Schritte. Diese ignorierend, ging er weiter. Er war gerade an der Türe angekommen, da packten ihn zwei Hände an den Schultern und wirbelten ihn herum. Verdammt, warum musste Kiyoi auch soviel größer sein als er. "Was soll das, Seseragi? Bin ich für dich etwa nur noch Luft?", knurrte der Weißhaarige.

Mit einem Ruck machte sich Seseragi los. "Weniger als das!", zischte er aufgebracht, "denn Luft ist notwendig zu Leben!" Da Kiyoi keine Anstalten machte umzukehren und dorthin zu fahren, wo der Pfeffer wuchs, starrte ihn Seseragi zornig an und fauchte: "Ich habe mich doch schon bedankt. Wenn SIE (er betonte das, um das seiner Meinung nach viel zu familiäre DU abzulehnen) mich vor meine Haustüre gebracht haben. Was soll ich noch tun? Für das Benzin bezahlen?"

"Bezahlen..." Kiyoi schien der Gedanke zu gefallen, er leckte sich kurz die Lippen, was ein sonderbares Kribbeln in Seseragi hervorrief. Dessen graugrüne Augen wurden so dunkel, dass sie fast schwarz waren und sogen sich an den blassen Lippen seines Gegenübers fest. Kiyoi bemerkte diesen Blick und schluckte.

Dann, wie um sich selbst zu beweisen, dass alles nur ein Hirngespinst war, beugte er sich vor und presste seine Lippen auf Seseragis. Für einen Augenblick wollte dieser erschrocken zurückweichen, doch die Kühle von Kiyois Lippen riefen tief in ihm eine Sehnsucht wach, die er sich bisher noch nie hatte eingestehen wollen. Wie oft hatte er sich auf Dates eingelassen, organisiert von wohlmeinenden Studienkollegen? Wie oft hatte er festgestellt, dass selbst die süßesten Frauen ihn kalt ließ en? Dennoch, bisher war ihm nie jemand, egal ob Frau oder Mann, dermaßen unter die Haut gegangen wie Kiyoi. Dieser Kuss, war weder lockend noch flehend, er war gebieterisch und barg dennoch eine eine Süße, die ihm durch und durch ging. Wenn er nachgab, wenn er sich öffnete, ob dann die Kühle in Wärme umschlug und der Zorn in ... Was dachte er hier nur! Mit einem Ruck machte er sich los, holte aus und der Knall der Ohrfeige hallte von den Betonwänden wieder. "Wie... wie können Sie ... nur wagen!", keuchte er, ganz Entrüstung, ganz fassungsloses Opfer. Kiyoi brauchte ein paar Atemzüge länger um sich zu fassen. Die Ablehnung in Seseragis Blick brachte sein sonst so kaltes Blut in Rage. "Das frage ich mich auch. Vielleicht habe ich dich nur für eine verkleidete Frau gehalten, du reizloser Waschlappen! Keine Sorge, den Fehler mache ich kein zweites Mal!"

Damit drehte er sich um und stieg die Treppen hinab, setzte sich in den Wagen und fuhr davon, ohne noch einmal zurückzuschauen.

Der noch immer fassungslose Botaniker sah ihm nach, bis das Auto aus seinem Blickfeld verschwunden war. Automatisch schloss er die Haustüre auf, fuhr mit dem bedenklich klapprigem Lift nach oben, wobei er sich erschöpft an den fleckigen Spiegel der Rückwand lehnte, wankte den Gang entlang zu seinem Apartment, schloss es auf und warf die Türe hinter sich ins Schloss.

Mit bebenden Fingern knöpfte er seinen Mantel auf, ließ die Pelzmütze auf den Boden fallen, und streifte die Stiefel ab. Auf dem Weg zum Badezimmer, riss er sich das Hemd vom Oberkörper. Als endlich das heiße Wasser auf seinen Körper prasselte, legte er den Kopf in den Nacken und seufzte aus tiefstem Herzen. Doch egal wie viel Wasser auch über sein Gesicht floss, das Gefühl von Kiyois Lippen ließ sich nicht fort waschen. Als nur noch lauwarmes Wasser kam, gab Seseragi es auf. Er war viel zu müde, um sich aus seinen spärlichen Vorräten etwas Essbares zu zaubern, egal wie energisch sein Magen auch knurrte. Da er aus Geldmangel tags über die Heizung immer ausgeschaltet hatte, zeigte das Thermometer an der Wand hinter dem winzigen Fernseher lediglich 15 Grad. Eingehüllt in einen Frotteeschlafanzug und eine Wolldecke schlüpfte Seseragi unter die Bettdecke und schloss die Augen. Seine Hand ging zum Wecker, und aktivierte den Alarm. Er hatte nur ein paar Stunden und eigentlich sollte er noch seine Arbeit ausdrucken, aber ... und schon glitt er hinüber in einen tiefen Schlaf.

Wirre Träume verfolgten ihn. Schwarze Flecken auf einem glühend roten Feuerball nahmen die Form einer Menschlichen Fratze an und der verzerrte Mund formte einen Namen. Seseragi vernahm keinen Laut, dennoch war er sich sicher, dass es nur sein Name sein konnte. Der Feuerball wurde mehr und mehr von den schwarzen Flecken verschlungen, Kälte und Finsternis griffen nach ihm und er wollte fliehen. Doch seine Füße rührten sich nicht von der Stelle. Warum trug er graue Stiefel? Er schlang die Arme um seine Schultern. Woher kamen die grauen Ärmel, die ganze, sonderbare Uniform? Ein goldener Knopf seitlich, ein hoher, steifer Kragen ... Militär oder Schule?

Mit einem Schlag war die Dunkelheit verschwunden und er lag in einer Blumenwiese. Rosenknospen in allen Farben dufteten mit Lilien und Blumen, deren Namen er nicht nennen konnte, um die Wette. Ja, das war es! Die Erinnerung, welche ihn dazu trieb, die schönsten Blumen züchten zu wollen. Dieses Paradies an Schönheit und Düften, wem hatte er es zu verdanken und warum rührte es sein Herz? Plötzlich spürte er, dass er nicht allein war und drehte den Kopf. Der Schattenriss einer Gestalt mit wehendem Umhang und langen, seidigen Haaren stand dort, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Er blinzelte in das Licht, aber er konnte nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Seine eigene Hand war so schwer, es war so mühsam sie auszustrecken und dennoch wusste er, dass er diese Person fassen und halten musste. Das Gesicht, er wollte nur einmal das Gesicht sehen oder die Farbe ihrer Haare. Waren sie blond? Doch obwohl er einen Namen rief, einen sonderbaren, fremden Namen, kam die Person nicht näher. Im Gegenteil, je mehr er sich wü nschte, sie zu erreichen, desto weiter schien sie sich zu entfernen. Wenn er sich doch nur bewegen könnte, aber sein Körper schien wie gelähmt zu sein. Einzig die Hände konnte er nach dem Schattenriss ausstrecken. Schwer, er fühlte wie auch seine Lider schwer wurden und seine Hände, wie Blei fühlten sie sich an. Lange würde er nicht mehr die Pracht der Blumen sehen können und auch nicht den Menschen, dem er sie verdankte. Kurz bevor seine Umgebung in ein endgültiges Dunkel getaucht wurde, drehte sich die Gestalt fern um ihm um und für einen Atemzug erhaschte er einen Blick auf ...

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