Entscheidung am Nordpol

Teil 2: Bangen und Hoffen

© 2003 by Lady Raven


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"RRRINGRRING!" Schweißgebadet schoss Seseragi in die Höhe. Stöhnend stelle er den Wecker ab und ließ sich auf das Kissen fallen. Weiß. Die Haare waren definitiv weiß gewesen. Eine Nachwirkung des gestrigen Erlebnisses? Auf einmal hatte er einen schalen Geschmack im Mund. Wie konnte Kiyoi es wagen, ausgerechnet in seinen wichtigsten Traum hinein zu pfuschen? Was, wenn er jetzt nie das Gesicht dieses Menschen sehen würde, weil sich Kiyoi in den Vordergrund drängte? Ein Blick auf den Wecker scheuchte ihn aus dem Bett ins Bad, wo er sich rasch duschte. An ein Frühstück war nicht zu denken und so stolperte er wenig später mit wehendem Schal aus dem Haus. Zum Glück hatte er daran gedacht, die Disketten und die CD mitzunehmen, mit etwas Glück konnte er die Arbeit noch rechtzeitig ausdrucken lassen.

In der U-Bahn herrschte wegen der frühen Stunde noch kein solches Gedränge. Um ein Haar wäre er eingenickt und hätte die Station verpasst. Keuchend hetzte der Stufen zum Ausgang hinauf, die Rolltreppe war ihm zu langsam und ... wäre um ein Haar mit einer Gestalt in einem noblen Designermantel und schwarzem Hut zusammengestoßen, die in aller Ruhe dort am Geländer lehnte.

"Kiyoi...", hauchte Seseragi und wurde abwechselnd knallrot und blass. Hastig neigte er den Kopf, murmelte eine Entschuldigung und wollte weiter, doch da hielt ihn eine schlanke, kräftige Hand an der Schulter zurück. "Mehr", murmelte Kiyoi, der offenbar kein bisschen überrascht war, ihn hier zu sehen, "mehr hast du mir nicht zu sagen?"

Seseragi blickte sich gehetzt um und hoffte nur, dass kein Studienkollege und kein Professor vorbei käme. Er schluckte. Für einen Moment sog sich sein Blick an den hellblauen Augen des anderen fest. Doch er erinnerte sich an den Traum, seinen Schrecken und seinen Ärger und wandte hastig den Kopf ab. "Was soll ich dir schon zu sagen haben", erwiderte er halblaut und wischte Kiyois Hand von seiner Schulter. Ehe dieser noch etwas entgegnen konnte, eilte Seseragi weiter.

Kiyoi machte einen Schritt, fast als ob er dem sandhaarigen Botaniker folgen wollte, doch dann schüttelte er den Kopf und griff sich an die Stirn. "Was mache ich hier eigentlich?", fragte er sich heiser. "Was hat dieser unverschämte Niemand an sich, das mich nicht los lässt? Ich muss mich ablenken, irgendwie..." Er stapfte zum nächsten Parkplatz, wo er den Wagen abgestellt hatte.

Kaum saß er hinter dem Steuer, griff er nach dem Handy und suchte im Verzeichnis hektisch nach der Nummer eines Mädchens, das er jetzt auf der Stelle sehen würde. Die Namen flimmerten schier endlos über das Display, es waren ihrer so viele, die ihm ihre Nummer gegeben hatten, in der Hoffnung, dass er sie irgendwann zurückrufen würde... Hie und da gelang es Kiyoi sogar, ein Gesicht mit dem Namen in Verbindung zu bringen, aber bei den meisten wusste er nicht einmal mehr, wann und wo sie sich getroffen hatten. Schließlich gab er es auf. Es hatte keinen Zweck, keines dieser Mädchen würde ihn vergessen lassen, was er gestern Nacht gefühlt hatte. Er hieb mit der Faust auf das Lenkrad, dass du Hupe losging und ein paar Passanten erschrocken zusammenzuckten. Verdammt! Na gut, wenigstens blieb ihm die Expedition zum Nordpol. Die Arbeit und die Entfernung würden seine Verwirrung (wie er es nannte) verblassen lassen. Dass dieser schusselige, kleine Botaniker eine Arbeit schreiben konnte, die seiner eigenen gleich kam, das schloss er aus.

Während dessen war Seseragi atemlos vor dem Verwaltungsgebäude der Universität angekommen. Wie erwartet, war der Computerraum noch leer und er hatte keine Probleme seine Arbeit aufzurufen, noch ein paar Fehler auszubessern und sie dann auszudrucken.

"Schon so früh am Werk?", erklang eine Stimme hinter ihm.

Er drehte den Kopf und blickte in das runzelige Gesicht von Professor Takei. Der angesehene Fachmann für Algen und Flechten nickte dem jungen Botaniker freundlich zu. Seseragi sprang auf und verbeugte sich. "Takei-sensei, meine Arbeit, ich habe ... sie ist fertig!" Er hielt den frischen Ausdruck dem Professor hin. Dieser kramte seine Brille aus der Tasche, setzte sie auf und studierte das Deckblatt. "Interessant, wirklich interessant..." Er nahm das Bündel Blätter und begann darin zu lesen, während er aus dem Raum schritt.

Erleichtert ließ sich Seseragi wieder auf den Sessel fallen. Diese Hürde hatte er gemeistert, mehr konnte er im Moment nicht tun. Doch wenn er Takei richtig einschätzte, würde die Liste mit den ausgewählten Arbeiten morgen oder übermorgen am schwarzen Brett hängen.

Sich die Augen reibend fuhr er den Computer herunter, schaltete ihn aus und überlegte, was er mit dem angebrochenen Tag anfangen könnte. Natürlich, sein Projekt! Jetzt, da er den Traum noch frisch in Erinnerung hatte, könnte er noch etwas mit den Farben seiner neuen Kreuzungen experimentieren....

Eine gute Stunde später stand er in weißem Arbeitskittel im Glashaus und setzte die ersten Samen seiner neuesten Versuchsreihe. Wenn er Glück hatte, dann würden in gut drei Wochen, die ersten Exemplare blühen. Zwar waren ihm noch keine Wunder geglückt, aber ein paar ansehnliche Ergebnisse hatte er an diverse Großgärtnereien verkaufen können und so die meisten seiner Schulden aus Studienzeiten bereits abbezahlt. Dennoch, sah sein Bankkonto bei weitem nicht so rosig aus wie er es gern gehabt hätte und wenn er an den Kredit für sein Labor dachte...

Seufzend stand er auf und klopfte sich die Erde von den Hosenbeinen.

"Schönheit ... Schönheit, in der man sterben möchte..." erklang hinter seinem Rücken eine Stimme.

Seseragi fuhr herum. Kiyoi beugte sich über eine rosa Lilie und sog den schweren, süßen Duft ein. Da er dabei die Augen schloss und sein Gesicht eine Spur weicher erschien, konnte sich Seseragi nicht dagegen wehren, dass sich in seinem Herzen Realität und Traum vermischten. Wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt, trat er nahe an Kiyoi heran und fragte mit einer Stimme, die nicht die seine zu sein schien: "Hast du dein Haar einmal lang getragen?"

Kiyoi sah von der Blume auf. Ihre Blicke fanden einander und für ein paar Atemzüge sprach keiner ein Wort. Dann wurde die Türe zum Glashaus geöffnet und der Zauber zerbrach. Beschämt darüber, wie er sich hatte gehen lassen, wandte sich Seseragi ab. Mit noch immer leicht bebenden Händen zog er seinen Notizblock hervor, um ein paar Einzelheiten seiner vorletzten Versuchsreihe, die bereits Knospen angesetzt hatte, zu kontrollieren.

Kiyoi sah aus, als wollte er Seseragi packen und schütteln, doch da bog ein junges Paar genau in den Kiesweg ein, auf dem die beiden standen und er ließ seine Hände sinken.

Der schwarzhaarige, junge Mann und das blonde Mädchen an seiner Seite schlenderten durch die Reihen der Blüten und immer wieder blieb sie stehen, um die eine oder andere Pflanze zu bewundern. Erst als ihr Begleiter sich wegen der feuchten Hitze die Stirn wischte, sah sie auf und bemerkte die beiden Männer. "Mamoru, offenbar ist das doch kein öffentlich zugängliches Glashaus...", sagte sie enttäuscht.

Seseragi gab sich einen Ruck, legte Block und Stift zur Seite und zauberte ein verbindliches Lächeln auf seine Lippen. "Da haben Sie ganz recht", sagte er und verbeugte sich kurz. "Dieser Bereich hier untersteht mir und ist für wissenschaftliche Experimente vorgesehen."

"Dann entschuldigen wir uns, dass wir unerlaubter Weise hier eingedrungen sind", sagte der junge Mann und seine dunkle, leicht rauchige Stimme klang sonderbar vertraut in Seseragis Ohren. Auch Kiyoi zog seine Augenbrauen zusammen und legte die Stirn in Falten. Woher kannten sie diese Stimme?

"Haben Sie all die wundervollen Blumen gezüchtet?", fragte die offenbar etwas naive Blondine an seiner Seite. Seseragi nickte und ihr strahlendes Lächeln ging an ihm runter wie Honig. "Das sind die schö nsten Blumen, die ich je gesehen habe. Darf ich mir eine davon pflücken?"

Der junge Mann mit dem Namen Mamoru zuckte zusammen. "Usagi, das gehört sich nicht!", zischte er halblaut und sie senkte beschämt den Kopf. Ihre blauen Augen wurden ganz dunkel.

"Halb so wild", wehrte der Botaniker lächelnd ab, "normalerweise würde ich nein sagen, aber ...", er runzelte die Stirn, ließ den Blick über die verschiedenen Beete streichen und wies schließlich auf eines, wo Fresien und Anemonen in voller Blüte standen, "diese Blumen hier sind bereits ausgewertet worden und ich meinerseits habe keine Verwendung mehr für sie." Er fischte eine Blumenschere aus seiner Tasche und reichte sie Mamoru. "Bitte, bedienen Sie sich."

In dem Augenblick, als sich ihre Hände an der Schere berührten, erstarrten sie beide für einen Moment. Mamorus Augen weiteten sich und er schluckte schwer. Seseragi hatte für eine Sekunde eine Vision von einem schwarzhaarigen Mann in dunklen Mantel, einem Schwert an der Seite, das Gesicht nur ein verschwommener Schatten bis auf die ernsten Augen, die bis in sein Herz zu blicken schienen... doch dann verschwand das Bild wieder und mit ihm das wehmütige, schmerzhafte Gefühl, das damit einher gegangen war. Beide traten hastig einen Schritt zurück.

Usagi vom einen zum anderen und legte ihre Hand besitzergreifend auf Mamorus Arm.

Im Hintergrund knickten Kiyois Finger den Stengel der rosa Lilie und er presste seine Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen.

Nachdem Usagi Mamoru zu dem betreffenden Beet hinüber gezogen hatte, deutete sie mal auf diese, mal auf jene Blume bis sie einen kleinen Strauß beisammen hatte. "Lassen Sie die Schere ruhig auf dem Tisch dort drüben liegen und viel Freude noch mit meinen Kreationen", sagte Seseragi hastig, als die beiden von dem Beet zurückkamen. Er hatte sie nicht aus den Augen gelassen, sondern gegrübelt, was es wohl mit der Vision und dem seltsamen Gefühl auf sich hatte. In letzter Zeit passierte ihm Ähnliches viel zu oft und dabei war er doch früher absolut nicht anfällig für solch merkwürdige Eindrücke und Tagträume gewesen. Vielleicht tat ihm die schwere, süße und feuchte Luft hier drin nicht gut, vielleicht lag es daran, dass er seit dem Ende seines Studiums einfach zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt hatte oder er war ganz einfach übermüdet.

Mamoru und Usagi bedanken sich noch einmal herzlich. Mamorus Blick glitt über Seseragis Schulter zu Kiyoi, der den schwarzhaarigen Mann mit schmalen Augen musterte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über Mamorus Lippen, so als amüsierte ihn der Ärger des Weißhaarigen. Mit einer angedeuteten Verbeugung, drehte sich Mamoru um und verließ mit Usagi zusammen das Glashaus.

Seseragi war gleichzeitig erleichtert und enttäuscht und der Widerstreit der Gefühle spiegelte sich auf seinem Gesicht, als er sich wieder zu Kiyoi umdrehte, dessen Blick er seit der sonderbaren Vision gemieden hatte. Er wusste nicht warum, aber der unleugbare Ärger auf Kiyois Gesicht ließ sein Herz schneller schlagen. Eifersucht, er wusste es einfach, Kiyoi war eifersüchtig auf diesen Mamoru. Warum war ihm das so wichtig? War es ihm nicht lieber, wenn Kiyoi wütend wurde und endlich ging?

Kiyoi seinerseits haderte einerseits mit sich selbst und seinen Gefü hlen, andererseits war er mächtig sauer auf Seseragi. Was fiel dem eigentlich ein, mit einem dahergelaufenen, gut aussehenden Fremden Händchen zu halten und ihn anzuschauen, als wäre er ein Prinz aus einem Märchen? Wo doch er, Kiyoi, nur einen Schritt entfernt auf ein Zeichen wartete... ein Zeichen, dass der Kuss von gestern Nacht Seseragi genauso aufgewühlt hatte wie ihn... Die Szene heute morgen hatte er bereits aus seinem Gedächtnis gestrichen. Er war hier, weil er Gewissheit haben wollte... Ohne länger darüber nachzudenken trat er mit dem Kopf der Lilie in den Händen an die Ursache seiner ganzen Verwirrung heran und ließ die Blüte vor ihm auf dem Boden fallen.

Seseragi wollte wütend auffahren, immerhin war die Lilie eines seiner besten Experimente bislang gewesen, doch der Sturm in den sonst so klaren, blauen Augen ließ ihn erschrocken zurückweichen.

"He, was soll das, was willst du?" Er gebrauchte die vertrauliche Anrede ohne zu zögern und nach einem weiteren Schritt stieß er mit dem Rücken an den Tisch, wo sich seine Unterlagen stapelten.

Ein fast schon grausames Lächeln spielte um Kiyois Lippen. Der andere konnte nicht mehr fort, konnte nicht mehr entkommen... "Ich schulde dir noch was für die Ohrfeige gestern Abend", hörte er sich sagen und seine Hände packten Seseragis an den Schultern. Dieser ignorierte das aufgeregte Schlagen seine Herzens und fasste seinerseits nach dem Pelzkragen von Kiyois Designerjacke. "Ich schulde dir gar nichts", sagte er viel ruhiger als er sich fühlte, "du hattest es verdient. Was willst du wirklich von mir? Dass ich dir meinen Platz in Professor Takeis Team überlasse?"

Die Erwähnung von Professor Takei brachte Kiyoi auf den Boden der Realität zurück. Was war nur in ihn gefahren? Warum war er so versessen darauf, von diesem kleinen Botaniker hier ein Geständnis zu hören? Mit einem verächtlichen Laut ließ er Seseragis Schultern los, befreite seine Jacke aus dessen Griff und trat einen Schritt zurück. "Als ob du eine Chance hättest überhaupt erst einen Platz zu bekommen. Wenn jemand mit dem Professor zum Nordpol reist und dann darüber seine Doktorarbeit schreibt, dann ich! Also hör auf, mich länger zu verfolgen!"

Diese Anschuldigung machte Seseragi sprachlos und erst als Kiyoi schon die Ausgangstüre erreicht hatte, rief er ihm kochend vor Wut hinterher: "Wenn hier jemand ein Problem hat, dann du! Halte dich verdammt noch mal aus meinem Leben raus! Und aus meinen Träumen!"

Kiyois Kopf ruckte herum und für einen Augenblick schien es so, als würde er umkehren. Doch dann zuckte er nur die Achseln, und trat ins Freie. Kaum war die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen, atmete Seseragi tief durch. Dann stockte er und schüttelte, über sich selbst verwundert den Kopf. War das etwa Enttäuschung, was er fühlte? Warum nur? Er hatte doch genau das erreichen wollen, oder nicht?

Um sich abzulenken holte er aus den kleinen, Batterie betriebenen Radio aus dem Labor und stellte ihn auf den Tisch. Doch als er nach einem passenden Sender suchte, war kaum einer zu finden, wo kein lästiges Rauschen im Hintergrund zu hören war.

Schließlich gab er auf und kümmerte sich wieder um seine Notizen. Als er gerade dabei war, die Höhe der jungen Schösslinge in Beet vier zu messen, hörte er mit halbem Ohr mit, was der Nachrichtensprecher als Astronomisches Phänomen anpries: "Das unerklärliche Auftreten einer großen Zahl von Sonnenflecken hat nicht nur die Wissenschaftler weltweit vor ein Rätsel gestellt, sondern sorgt auch für Störungen und Ausfälle im Funkverkehr und bei Radioübertragungen. Wenn Sie also ein Rauschen wahrnehmen, geben Sie nicht unserem Sender oder Ihrem Gerät die Schuld. Wann wieder mit einer Normalisierung zu rechnen ist, kann nicht gesagt werden, da dieses Phänomen auch nicht vorausberechnet werden konnte."

Sonnenflecken? Warum lief es ihm bei diesem Wort kalt den Rücken herunter. Er stand auf und sah durch das Glasdach zum Himmel. Bestimmt war es nur eine Täuschung, aber ihm kam vor, als wäre das Sonnenlicht trotz blauem Himmel weniger blendend und kräftig wie vorher. So zahlreich konnten Sonnenflecken gar nicht auftreten, oder? Da es nichts gab, was er dagegen hätte unternehmen können, seufzte er nur und wandte sich dann wieder seinen Versuchspflanzen zu.

* * *

Die nächsten zwei Tage verliefen ereignislos. Obwohl Seseragi fest damit gerechnet hatte, dass Kiyoi wieder irgendwo aufkreuzen würde, bekam er den weißhaarigen Botaniker die ganze Zeit über nicht zu Gesicht. Vielleicht hatte er aufgegeben und war nach Hause, wo immer das war, zurückgekehrt? Einzig die Sonnenaktivität sorgte in den Medien weiterhin für Schlagzeilen, da nun das Sonnenlicht messbar zurückgegangen war und Solarkraftwerke allerorten bereits düstere Prognosen für die Energieversorgung erstellten. In Seseragis Augen war es für Panik viel zu früh und er hatte für jene Studenten, welche auch schon eifrigst Zukunftsbilder einer Welt mit weniger Sonnenlicht malten nur ein paar scharfe Worte übrig.

Insgesamt waren diese zwei Tage für ihn nicht sonderlich erfolgreich und auch auf dem schwarzen Brett suchte er vergeblich nach der Auswertung der eingereichten Arbeiten.

Am Morgen des dritten Tages schließlich fand er in seinem Postfach an der Universität eine kurze Notiz des Professors, sich bei ihm zu melden.

Das klang schon mal sehr positiv und sogleich besserte sich seine Laune. Er kramte seine Unterlagen zusammen, richtete seine Haare und kontrollierte seine Krawatte, ehe er an der Tür zu Professor Takeis Zimmer anklopfte. "Nur herein!", tönte es von drinnen und nach einem tiefen Atemzug drückte Seseragi die Klinke hinunter. Als die Türe aufschwang, trat Seseragi schwungvoll ein und verbeugte sich tief. "Takei-sensei, Sie haben mich herbestellt..." sagte er heiser vor Aufregung.

"Seien Sie nicht so verkrampft, Seseragi-kun", lachte der Professor. "Sie machen ein Gesicht, als kämen Sie zu Ihrer eigenen Beerdigung..."

Der junge Botaniker richtete sich auf und versuchte ein halbes Lächeln. "Ich schätze, ich bin einfach zu nervös, Takei-sensei."

Der Professor deutete auf einen leeren Stuhl. "Setzen Sie sich erst mal. Ich habe Ihnen ziemlich einiges zu Ihrer Arbeit zu sagen."

War das nun gut oder schlecht? Seseragi schluckte und seine Hände fuhren automatisch zu seiner Krawatte, um diese zu lockern.

Da klopfte es erneut. Takei zwinkerte Seseragi zu und rief: "Nur herein, Sie werden schon erwartet!"

"Wer...?", platzte Seseragi heraus. Ehe der Professor ihm antworten konnte, schwang die Türe bereits auf und Kiyoi trat mit festen, wohl bemessenen Schritten ein. Seine Verbeugung hatte eine herrische Eleganz, die gleichzeitig von Respekt wie auch vom eigenen Stolz sprach. Der Blick aus seinen kühlen, blauen Augen hing zunächst fest an Takei. "Sie haben mich rufen lassen, Takei-sensei? Dann darf ich annehmen, dass die Entscheidung gefallen ist."

"Sie dürfen, Kiyoi-kun, Sie dürfen", schmunzelte der Professor und wies auf einen anderen freien Stuhl. "Deshalb habe ich Sie und Seseragi-kun hergebeten." Erst jetzt nahm Kiyoi, den im Halbschatten sitzenden Konkurrenten wahr. Seine Augen weiteten sich für eine Sekunde, dann wurde sein Blick wieder gelassen. Die zerknitterte Krawatte quittierte er mit einem spöttischen Zucken der Mundwinkel, was Seseragi nicht entging. Mit beleidigter Miene rückte er die Krawatte wieder zurecht und setzte sich aufrechter hin, um größer zu wirken.

Kiyoi ließ sich auf dem Sessel neben ihm nieder und zog seine Lederhandschuhe aus. Er trug den gleichen Mantel wie tags zuvor und seine hellen Haare glänzten im Sonnenlicht, das durch die schmale Fensterscheibe in das Zimmer fiel.

Der Professor spürte die Spannung zwischen den zwei Jungen Männern und räusperte sich. "Sie beide haben mir zwei wirklich außergewöhnliche Arbeiten vorgelegt." Er öffnete eine Mappe und zog eine farbig gedruckte, fertig gebundene Arbeit heraus. "Kiyoi-kun, Ihre Arbeit zeigt eine sehr aufwändige, gründliche Recherche und ein wirklich eindrucksvolles, methodisches Vorgehen. Man spürt, wie sehr Sie sich mit dem Thema beschäftigt haben und welch großes Anliegen es Ihnen ist, an Ort und Stelle zu sein, wenn wichtige Entdeckungen gemacht werden. Ihre Arbeitsweise ist wirklich vorbildlich und ich kann mich glücklich schätzen, Sie als Assistenen an der Seite zu haben."

Obwohl Kiyoi mit keiner Wimper zuckte, spürte Seseragi wie die Anspannung des Weißhaarigen spürbar nachließ. Auch seine eigene war verpufft. Also hatte Kiyoi es geschafft. Was nur bedeuten konnte, dass seine eigene Arbeit außergewöhnlich schlecht war. Seine Schultern sanken herab und er sah aus den Augenwinkeln zum Sieger hinüber. Seltsamerweise verkniff sich dieser jedoch ein triumphierendes Grinsen oder eine spitze Bemerkung. *Muss er selbst jetzt zeigen, wie sehr er mir über ist?*, dachte Seseragi bitter. *Er hat gewonnen. Warum freut er sich nicht und lacht mich aus, damit ich ihn endlich aus vollem Herzen verabscheuen kann?* "Was ist mit der Arbeit meines Kollegen?", kam es ganz überraschend aus Kiyois Mund. "Sie haben ihn doch nicht herbestellt, damit er grün vor Neid vom Stuhl fällt, wenn ich ausgewählt werde, oder?"

Seseragi schluckte hart. Die gleiche Frage brannte auch ihm auf der Seele, aber er hätte sich nie erwartet, dass ausgerechnet Kiyoi sie stellen würde.

"Sehr gut beobachtet, Kiyoi-kun", nickte Takei und zog nun das Bündel loser Blätter heraus, das ihm Seseragi in die Hand gedrückt hatte. "Ihre Arbeit, Seseragi-kun ist völlig anders als jene ihres Mitbewerbers. Auch sie haben recherchiert, aber Ihnen mangelt es an Methodik und Hartnäckigkeit. Da ist ihnen Kiyoi-kun eindeutig über." Seseragi wurde kleiner und kleiner. Doch Takei war noch nicht fertig. "In Ihrer Arbeit stecken sehr viele Flüchtigkeitsfehler, so wie es aussieht, habe Sie diese wahrscheinlich nicht über einen langen Zeitraum hin sorgfältig vorbereitet und umgesetzt, sondern wahrscheinlich an einem einzigen Abend getippt, womöglich erst auf den allerletzten Drücker."

Die Wahrheit dieser Bemerkung trieb dem Angesprochenen das Blut in die Wangen und beschämt starrte er auf seine Hände. Wie recht der Professor doch hatte, auf diese Art sollte kein ernstzunehmender Wissenschaftler arbeiten... "Aber", fügte der Professor mit weit weniger strengem Tonfall hinzu, "in Ihrer Arbeit steckt ein gewisses Etwas, das mich bewogen hat, trotz aller Mängel weiter zu lesen. Sie sprühen vor Ideen und beweisen ein Feingefühl für Zusammenhänge, das mich beeindruckt hat und das Ihrem Kollegen noch abgeht." Diese Worte taten wirklich gut und so hob Seseragi den Kopf und zwang sich, ein dankbares Lächeln zu zeigen. Zwar würde er zuhause bleiben müssen, aber immerhin hatte der Professor seine Arbeit nicht in Grund und Boden verdammt.

"Um es kurz zu machen", sagte Professor Takei, "ich habe mich mit der Leitung der Universität in Verbindung gesetzt und die Zusage bekommen, dass ich zwei Assistenten mitnehmen kann. Ich möchte Ihnen beiden herzlich gratulieren!"

"Du kannst einen Mund wieder zu machen", murmelte Kiyoi kaum hörbar. "Sieht aus, als wäre es unentschieden, dieses Mal..."

Seseragi fühlte, wie die Spannung und die Bitterkeit von ihm abfielen. Er hatte es geschafft! Die Reise zum Nordpol, er würde sie machen! Allerdings ... und seine Freude machte einem Gefühl der Unsicherheit Platz, allerdings würde er Wochen lang an Kiyois Seite sein, vielleicht sogar das Hotelzimmer mit ihm teilen. Verräterische rote Flecke bildeten sich auf seinen Wangen und sein Mund wurde trocken.

Der Professor schien das nicht zu bemerkten, da er immer noch über die Vorteile ihrer beider Arbeiten referierte. Kiyoi hingegen hatte so ein Funkeln in den Augen, das Seseragis Unbehagen vertiefte. Wie sollte das nur gut gehen?

Da klopfte es erneut. Takei legte die beiden Arbeiten hin und stand auf, um die Türe selbst zu öffnen. "Professor Takei?", fragte eine angenehme, warme Stimme.

Die beiden Assistenten horchten auf. War das nicht ...?

"Der bin ich", sagte der Professor. "Aber Sie sind kein Botaniker, oder?"

"Da haben sie recht", erwiderte der Neuankömmling, "aber ich habe hier ein Schreiben von Professor Daiko für Sie. Mein Name ist Chiba. Mamoru Chiba."

Seseragi sprang auf. Mamoru Chiba? Es war also wirklich der dunkelhaarige Besucher, der mit seiner Freundin in das Glashaus geplatzt war. Weshalb war er hier? Nur ein Zufall?

Takei riss das Kuvert auf und überflog den Brief. "Du liebes Bisschen", hörten die beiden Botaniker ihn murmeln, "daran habe ich gar nicht mehr gedacht."

"Worum geht es?", mischte sich Kiyoi ein. "Betrifft es auch uns? Die Expedition?"

Takei trat zur Seite und winkte Chiba, näher zu treten. Der junge Mann verneigte sich respektvoll und dankbar, ehe er am Professor vorbei in den Raum schritt.

"Ich entschuldige mich, falls ich gerade bei einer wichtigen Besprechung stören sollte", sagte er zu den beiden Assistenten gewandt. "Wir haben uns doch kürzlich gesehen, nicht wahr?" Er lächelte Seseragi an. "Nochmals danke für die Blumen. Usagi hat sie gleich in eine Vase gestellt. Sie sind wunderschön."

"Das ist gut!", freute sich der Professor und schloss die Türe. "Wenn Sie drei sich kennen, wird es keine Probleme geben." Er faltete den Brief sorgfältig zusammen. Da ihn seine beiden frisch gebackenen Assistenten verwundert anschauten, führte er genauer aus, worum es ging: "Ich habe Professor Daiko versprochen, einem seiner besten Assistenten einen Platz bei der Expedition einzuräumen, damit dieser mit den gewonnenen Erfahrungen seine Doktorarbeit schreiben kann. Das hier ist also Chiba und er wird uns begleiten."

Weiter zu Teil 3


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