Zwei Wochen?

(Geschichten aus dem Königreich des Dunklen, Teil 2)

© 1997/08/28 by Stayka deyAvemta, übersetzt 1997/10/18


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"Ich gebe ihm zwei Wochen", sagte Jadeite.

"Ich wußte nicht, daß es zu deiner Jobbeschreibung gehört, ein Optimist zu sein", erwiderte Nephrite mit hochgezogenen Augenbrauen. "Ich würde eher sagen, in maximal drei Tagen ist er Toast." Er nippte an einem Kristallkelch mit exquisitem Wein, dessen Farbe beinahe der seiner langen, welligen Haare entsprach.

"Das hast du vor drei Tagen gesagt. Und vor einer Woche... - Ich dachte, deine Sterne wüßten alles." Jadeite beschloß, sein Glas ein weiteres Mal zu füllen. Wenn man eine gute Sache über seinen Kollegen sagen konnte, dann war es, daß er wußte, was schmeckte. Nephrite entschied sich, die Anzüglichkeit zu ignorieren.

"Du kannst mich beim Wort nehmen - und wenn er Kunzite losgeworden ist, dann bin ich sicher, daß sie beschließen wird, ihn auf dich loszulassen.

"Warum gerade auf mich?" wollte Jadeite wissen. "Wärst du nicht viel besser dazu geeignet, ihn zu trainieren?"

"Nein!" Der zweite der vier Könige des Dunklen Königreiches schüttelte nachdrücklich den Kopf. 'Bloß nicht wieder', fügte er in Gedanken hinzu. Aber er würde Jadeite lieber nicht erzählen, wie knapp er nur daran vorbeigekommen war, von diesem mörderischen Wiesel umgebracht zu werden.

"Man könnte fast meinen, du hättest Angst vor Zoisite", zog ihn Jadeite auf.

"Ich würde nicht ganz soweit gehen. Es ist nur, daß ich dieses bösartige kleine Wiesel nicht ausstehen kann..." Er fügte noch ein paar pittoreske Beschreibungen hinzu, die Zoisites zweifelhafte Herkunft und vermutliche Vorlieben betrafen.

"Okay, ich habe verstanden." Jadeite grinste sein Gegenüber an. "Aber ich würde sagen, wir sollten uns das Schauspiel noch ein wenig länger ansehen. Es könnte ja vielleicht sogar noch amüsant werden."

* * *

Das Subjekt der obigen Diskussion suchte immer noch verzweifelt nach einem Weg, den Schwur zu umgehen, den Kunzite ihm aufgezwungen hatte. Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, die Verbindung zu brechen, die sein Wort an seine Lebensenergie band - aber nein!

Es war erniedrigend. Selbst wenn er nur daran dachte, einem Youma zu befehlen, eine tödliche Falle für Kunzite vorzubereiten, fühlte er sich sogleich, als ob ihn all seine Energie verließ, und jeder Atemzug wurde zu einem qualvollen Kampf um Luft.

Er würde ihn dafür umbring-

Da war es wieder... Eine Welle der Agonie schoß durch seinen Körper, und Zoisite krümmte sich zusammen. Es war furchtbar unfair, dachte er mit zusammengebissenen Zähnen. Wenn er nur irgendetwas tun könnte, um das selbstzufriedene Grinsen aus dem Gesicht seines Mentors zu wischen! Erschöpft sank er auf die Knie.

Als ob er ihn gerufen hatte, materialisierte Kunzite in Zoisites Quartier.

"Zeit zum..." begann er, aber dann erspähte er den jungen Mann in seiner miserablen Verfassung. "Ts ts ts. Versuchst du immer noch, einen Weg zu finden, um mich loszuwerden? Ich bewundere deine Hartnäckigkeit, kleine Ratte."

Zoisite schnitt eine Grimasse. Es wäre einfacher, wenn er den hochgewachsenen, silberhaarigen Mann tatsächlich hassen könnte. Daß er gegen den aufgezwungenen Schwur ankämpfte, war eigentlich mehr eine Frage des Prinzips.

Kunzite schüttelte schweigend den Kopf und half ihm in einen Sessel. "Ich frage mich, ob du jemals eine Niederlage akzeptierst", sagte er beinahe sanft.

Zoisite sah ihn mit einem derart verletzten Blick an, daß Kunzite gegen den Impuls ankämpfen mußte, den hübschen jungen Mann zu trösten. Er fragte sich, inwieweit dies ein Versuch war, ihn zu manipulieren, da Zoisite schließlich keine Möglichkeit mehr hatte, ihn physisch anzugreifen.

Der mächtigste der vier Könige drapierte seinen Umhang über einen Arm und setzte sich in den gegenüberliegenden Sessel. Ruhig beobachtete er, wie Zoisite seine Haltung wiedergewann. Als er Zoisites leuchtende Smaragdaugen und seine langen, kupfergoldenen Locken studierte, mußte er feststellen, daß es ihm äußerst leicht fiel, sich in der Betrachtung seines mehr als nur gutaussehenden Schülers zu verlieren.

Es beunruhigte ihn, daß er es schwerer und schwerer fand, Zoisite gegenüber eine rein professionelle Haltung zu bewahren, und er fragte sich, ob wohl ein weiteres magisches Talent Zoisites dafür verantwortlich war, das er nicht erwähnt hatte, als er getestet wurde.

"Fühlst du dich jetzt besser?" fragte Kunzite schließlich und schob die beunruhigenden Gefühle beiseite. Er war schließlich nicht hier, um sich an Zoisites Anblick zu ergötzen, er sollte eine Botschaft überbringen, und die Königin wartete.

Zoisite nickte.

"Königin Beryl wünscht, daß ein Objekt, das 'Silberkristall' genannt wird, gefunden wird. So, wie es aussieht, möchte sie, daß du dich auf die Suche danach begibst - als eine Art Test deiner Fähigkeiten."

Zoisites Wandlung von verletzlich zu zielstrebig und bestimmt war erstaunlich.

"Dann sollte ich sie besser nicht warten lassen." Ohne zu zögern verschwand er in einem Wirbel aus Kirschblütenblättern.

Kunzite seufzte, als er das Schauspiel betrachtete, ehe er sich erhob und seinen Umhang gerade strich. Dann teleportierte er hinter Zoisite her und materialisierte in Königin Beryls Audienzsaal. Offensichtlich war er wieder einmal der letzte, der erschien, denn die Frau auf dem Thron warf ihm einen mißbilligenden Blick zu.

"Du kommst zu spät", bemerkte sie verärgert.

"Ich erbitte Eure Vergebung, Majestät", sagte Kunzite automatisch.

Jadeite und Nephrite, die bereits da waren, tauschten einen amüsierten Blick. Kunzites Eitelkeit würde einmal sein Tod sein. Bestimmt hatte er wieder die letzte Stunde vor dem Spiegel gestanden und ausprobiert, auf welche Art und Weise er sich bewegen mußte, damit er seine Bewunderer an besten beeindrucken konnte.

"Er ist immer noch an Leben", flüsterte Jadeite beinahe bedauernd.

"Das sehe ich auch", gab Nephrite ebenso leise zurück. "Genau wie das hinterhältige kleine Kerlchen..."

"Zoisite." Die Stimme von Königin Beryl unterbrach ihre leise Konversation.

Der kleine Mann beugte den Kopf. "Zu Euren Diensten, meine Königin."

"Ich habe gehört, daß dein Training gut verläuft. Daher habe ich beschlossen, dir die Aufgabe zu übertragen, nach dem Silberkristall zu suchen." Natürlich erwähnte sie nicht, daß auch mehrere Dutzend Youma denselben Auftrag erhalten hatten, aber das hätte Zoisite vermutlich ohnehin nicht gestört. Hauptsache, er durfte endlich einen Job ganz alleine ohne Aufpasser erledigen! Zoisites Augen begannen zu leuchten.

Bedauerlicherweise war Beryl noch nicht am Ende angelangt. Nachdem sie Zoisite die Informationen gegeben hatte, die sie über den Silberkristall zusammengetragen hatte, fügte sie hinzu: "Kunzite wird deine Fortschritte überwachen."

Zoisites Gesichtsausdruck verzog sich zu tiefer Enttäuschung, auch wenn er es nicht wagte, einen bösartigen Blick zu Queen Beryl herüberzuwerfen. Es war viel zu gefährlich, sie in ihrem Audienzsaal vor ihren loyalen Untertanen zu verärgern. Aber es würde andere Möglichkeiten geben, dessen war er sicher. Vielleicht würde er sie einmal alleine und unvorsichtig erwischen...

Nichtsdestotrotz beugte er gehorsam seinen Kopf. "Wie Ihr wünscht, meine Königin", sagte er.

Beryl gab auch den anderen ihre Befehle, bevor sie ihren Hof entließ.

* * *

"'Meine Fortschritte überwachen'", grummelte Zoisite ärgerlich, als er in seinem Quartier materialisierte. "Bin ich nun einer der Könige oder nicht? Und warum hat sie nicht Jadeite oder Nephrite damit beauftragt? An denen könnte ich mich wenigstens rächen, wenn sie mir auf die Nerven gingen!"

Ein leises Lachen ertönte hinter ihm, und Zoisite wirbelte herum. Natürlich - wer sonst? Kunzite lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und betrachtete ihn belustigt.

"Arme kleine Ratte", sagte er ironisch.

Zoisite sah aus, als wolle er sich auf seinen Mentor stürzen, doch plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einer schmerzerfüllten Grimasse, und er hielt inne, die Hände zu Fäusten geballt.

Kunzite ließ sich in einem Sessel nieder und wartete darauf, daß sich Zoisite beruhigte und wieder von den Schmerzen erholte, welche die Nichtbeachtung des Schwures mit sich brachten. Der junge Mann war viel zu impulsiv und rachsüchtig, und das würde sich vermutlich einmal als fatal für ihn erweisen.

"Hast du bereits einen Plan, wie du den Silberkristall finden willst?" fragte Kunzite.

"Noch nicht", gab Zoisite widerstrebend zu. "Aber ich arbeite daran." Er setzte eine entschlossene Miene auf.

"Gut."

Zoisite wanderte auf und ab, als er versuchte, einen Plan zu entwerfen, während er sich bemühte, Kunzite unauffällig zu betrachten. Er bewunderte die absolute Ruhe, die der Mann ausstrahlte - als ob es nichts gab, das ihn zu raschen oder gedankenlosen Aktionen bewegen könnte. Und dazu sah er auch noch ausgesprochen gut aus, mit seinem langen, silberweißen Haar und den kühlen, platinfarbenen Augen.

Es war eigenartig, sinnierte Zoisite, irgendwie fühlte er sich seltsam wohl in Kunzites Gegenwart. Seit er diesen verdammten Schwur geleistet hatte, hatte sein Mentor keine Schritte gegen ihn unternommen. Er war sich sicher, daß es Nephrite oder Jadeite weidlich ausgenutzt hätten, wenn er sich nicht mehr gegen sie verteidigen könnte.

"Wenn du noch länger hier herummarschierst, wirst du noch einen Graben produzieren", kommentierte Kunzite.

"Ich arbeite an meinem Plan", behauptete Zoisite.

"Beinhaltet dieser, daß du die Erde zu Fuß absuchst? Wenn ja, dann verstehe ich, warum du deine Fußarbeit trainierst."

"Warum macht Ihr Euch immer über mich lustig?" Zoisite schmollte und beschloß, sich dekorativ in die Luft zu erheben.

"Weil du absolut niedlich aussiehst, wenn du schmollst", grinste Kunzite. Er fand es zur Abwechslung einmal sehr angenehm, daß es nun eine Person im Dunklen Königreich gab, gegenüber der er nicht ständig auf der Hut sein mußte.

Es war die Ironie des Schicksals, daß es sich dabei um die hinterhältigste und niederträchtigste kleine Ratte weit und breit handelte, aber andererseits konnte er nicht anders, als Zoisite für seine geradlinige Bösartigkeit zu bewundern.

"Wenn sie nur etwas genauer bei der Beschreibung dieses verdammten Kristalls gewesen wäre!" Zoisite hatte beschlossen, sich lieber wieder seiner Aufgabe zuzuwenden.

"Betrachte es einfach als eine größere Herausforderung", schlug Kunzite vor und sah zu der Stelle hinauf, wo Zoisite mit übereinandergeschlagenen Beinen schwebte.

"Ich danke Euch - Ihr seid eine große Hilfe", fauchte Zoisite.

"Wer hat gesagt, daß ich dir helfen sollte? Beryl hat mich lediglich angewiesen, 'deine Fortschritte zu überwachen'..."

Kunzites belustigt-ironischer Tonfall ließ Zoisite wieder einmal die Nerven verlieren, und mit einen wütenden Fauchen stürzte er sich auf den sitzenden Mann. Natürlich folgte die Strafe auf dem Fuße, und anstelle einer richtigen Attacke plumpste er herunter wie ein nasser Sack.

"Umpf", ächzte Kunzite beim Aufprall des menschlichen Sturzbombers. Natürlich fühlte sich Zoisite weitaus schlimmer, als die Auswirkungen seines Schwurs einsetzten, und er rollte sich vor Schmerzen zusammen.

"Und was sollte das bezwecken?" fragte Kunzite mit hochgezogenen Augenbrauen. Er betrachtete den jungen Mann, der, nach Atem ringend, ausgebreitet über seinem Schoß hing. Zoisites glänzendes kupfergoldenes Haar war zerstrubbelt, und er sah ihn vorwurfsvoll aus seinen smaragdgrünen Augen an.

Seine Nähe war irritierend, fand Kunzite, und er strich eine verirrte Haarsträhne aus Zoisites Gesicht. Sein kleiner Schüler war wirklich wunderschön, und daß er auch noch so temperamentvoll war, machte ihn direkt noch attraktiver.

"Fragt nicht", grummelte Zoisite, aber er beeilte sich nicht, wieder aufzustehen. Er fühlte sich immer noch etwas schwach, und außerdem war es ohnehin alles Kunzites Schuld. Zudem fand er es ganz bequem hier.

"Hast du nicht etwas zu tun?" erkundigte sich Kunzite schließlich, als Zoisite sich immer noch nicht dazu bequemte, sich zu erheben. Er betrachtete es als unweise, der Versuchung nachzugeben, obwohl er es immer schwerer fand, Zoisite zu widerstehen.

Zoisite wurde knallrot und sprang auf. Die Farbe seiner Wangen biß sich mit seiner kupfergoldenen Haarfarbe, stellte Kunzite abwesend fest. Als Zoisite einen Blick seiner zerzausten Haarpracht in einem Spiegel erhaschte, stürzte er zu einer Schublade, grub eine Bürste aus und arbeitete heftigst an seiner Frisur.

Pic
of Kunzite by Stayka

Als er bemerkte, daß Kunzite ihn immer noch interessiert beobachtete, explodierte er beinahe wieder.

"Ihr könntet mir bei meiner Aufgabe mit dem Silberkristall helfen, oder?"

"Und warum sollte ich das tun?" fragte der silberhaarige Mann amüsiert.

"Warum denn nicht?" Zoisite warf ihm einen schmolligen Blick zu.

Nun, da hatte er wirklich einen Punkt, fand Kunzite. Zur Zeit hatte er keinen anderen Auftrag als Zoisite zu überwachen, und das war am einfachsten, wenn er in seiner Nähe blieb. Außerdem mußte er zugeben, daß er immer mehr Gefallen an seinem Schüler fand.

"Nun gut. Ich werde dir bei deiner Aufgabe helfen", sagte er.

* * *

Nephrite seufzte. Nun waren auch Jadeites zwei Wochen vergangen, und immer noch waren weder Kunzite noch Zoisite tot. Er konnte nicht verstehen, wie es Kunzite bis jetzt gelungen war, den gemeingefährlichen Eiskristallen des ehrgeizigen kleinen Wiesels auszuweichen.

Er hatte es in den Sternen gesehen - Antares im Skorpion hatte Tod und Zerstörung prophezeit. Plötzlich runzelte er die Stirn, als ihm ein erstaunlicher Gedanke kam. War es wirklich das?

Pic
of Nephrite by Stayka

Plötzlich begann er, leise zu lachen. Aber nein, das konnte doch nicht sein - oder? Immerhin war Skorpion nicht nur das Sinnbild von Tod und Zerstörung, sondern er herrschte auch über Leidenschaften und dunkle Begierden...

Vielleicht hatte Jadeite ja recht, und es würde sehr amüsant werden.

Ende von Teil 2 - Auf zu Teil 3


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