Der Erste

Eine Geschichte über einen, der es nicht geschafft hat.

© 2000 by Skögul

This page was last modified: 2000/02/04


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Ich habe Angst.

Nur noch ein paar Schritte, dann habe ich es geschafft. Ich stolpere hinter einen Berg aus Schnee und Eis, wo ich einfach umfalle, mich in den Schnee kauere. Meine Nase habe ich in die Beuge meines Ellbogens gesteckt, und meine Tränen machen mein Gesicht naß.

Ich weiß, er findet mich ja doch. Ich habe mich noch nie verstecken können. Trotzdem tue ich es immer wieder, ich renne weg und suche nach einem Ausweg. Aber er steht immer irgendwann über mir, und in seinen Augen kann ich sehen, daß er weiß, daß ich bald sterben muß.

Ich bin der Schwächste von allen. Vielleicht ist das Leben eben so, die Starken werden überleben, die Schwachen müssen sterben. Ich muß sterben. Und manchmal, wenn ich am Morgen die Augen aufmache, und wieder bin ich in dieser weißen Hölle, die zuerst nur eine Ahnung durchs Fenster ist, dann weiß ich nicht mehr so genau, warum ich weiterleben will.

Wo ich herkomme ist es immer warm. Ich kann mich nicht an viel erinnern, aber an die Wärme, an die kann ich mich erinnern. Nicht mal in der Nacht war es besonders kalt. Ich weiß noch, wie ich einmal nachts die Sterne gesehen habe. Es war auf einem großen Platz in einem Dorf. Die Steinfliesen am Boden waren warm. Mitten in der Nacht.

Hier ist nichts warm, außer meinem Bett, das nur ein Haufen Felle ist. Ich werde aber immer schnell mit den anderen in die Kälte gescheucht, und dann renne ich wieder hinter ihnen her, durch dieses endlose Weiß. Ich halte mir manchmal die Hand vor Augen, nur, um eine Farbe zu sehen. Meine Hände sind normalerweise rot oder blau von der Kälte. Irgendwann ist es so, daß die eisige Luft meine Lungen fast zerreißt, und dann falle ich um. Dann kommt er und packt mich an dem dünnen Hemd, das ich trage. Er stellt mich auf die Füße und treibt mich vorwärts, Schritt für Schritt. Solange, bis ich auch am Ziel bin. Die anderen warten schon, sehen mich an, wie die Wölfe, dieser wird vor uns sterben, und dann schnürt sich mir der Hals zu.

Aber ich will doch leben! Wieso bin ich eigentlich hier? Ich habe das alles nicht gewollt. Athena, eine Göttin aus Griechenland. Ich bin katholisch. Ich glaube nicht, daß Athena katholisch ist. Dann fällt mir die Statue ein, ich erinnere mich immer wieder daran. Da ist ein großer Baum (ein Olivenbaum, sagt dann immer eine dunkle Stimme), und unter diesem Baum steht eine kleine Säule mit einem Häuschen drauf. In dem Häuschen steht eine Frau in einem blauen Umhang. Die Frau lächelt, und ich nenne sie immer Mama. Ich wünsche mir, daß so meine Mutter ausgesehen hat.

Ich sehe die anderen Jungs an. Einer von ihnen ist größer als die meisten, und er hat Haare wie die Sonne. Seine Augen sehen aus, als hätte sie jemand aus dem Eis hier gemacht. Ich glaube, ich habe ihn angestarrt, jedenfalls hebt er den Blick und starrt zurück. Zum ersten Mal schau ich nicht weg. Irgendwas hindert mich. Sein Blick ist kalt wie die Hölle, in der ich hier bin, und ich sehe, daß er leben wird. Mein Magen verkrampft sich, als ich merke, daß er derjenige sein wird, der das Cygnus Cloth gewinnen wird.

Er schaut schon wieder woanders hin, und ich bin froh, denn ich fürchte mich vor diesem Jungen, der uns alle hinter sich lassen wird. Auf einmal weiß ich, daß sein Schicksal nicht glücklich sein wird. Er wird kämpfen, bis er stirbt. Ich werde sofort sterben. Mein Herz ist ganz ruhig, und ich wundere mich. Ich weine, das merke ich erst, als die Tropfen von meiner Nase in den Schnee fallen. Wir hatten alle verloren, von dem Moment an, an dem wir von den Männern von zu Hause verschleppt wurden. Auch Hyoga.

Der Sensei treibt uns wieder den Hügel hinunter, bis zum Eismeer. Ich laufe anders als sonst, und ich weiß warum. Meine Zeit ist da. Als wir auf dem Eis andgekommen sind, breche ich beinahe sofort in eine Spalte ein. Ich höre es nur krachen, und auf einmal ist alles naß und kalt. Schnell sinke ich unter Wasser. Ich kann das Loch von unten sehen, sehe die anderen herunterschauen, und obwohl ich erst kurze Zeit im Wasser bin, sind meine Arme und Beine schon taub, ich kann sie nicht bewegen, mich nicht mehr retten. Die Kälte hüllt mich ein wie ein Mantel, und ich werde müde.

Da taucht vor mir ein Sonnenstrahl auf. Ich hebe meine schweren Lider und sehe Hyoga. Er schwimmt neben mir, streckt seine Arme aus um mich zu greifen. Ich sehe ihn nur an. Er kann hier tauchen, ohne zu sterben. Weiß er, daß er der letzte sein wird? Seine großen, eisblauen Augen wissen nur, daß er mich retten will. Er packt meinen Arm, doch ich fühle nichts mehr. Als er meinen Körper umschlingt, um mich hinaufzuziehen, kommt mein Gesicht ganz nah an seins. Ich lehne meine Wange an seine und lächle. Dann ist es wie Schlafen...

Hyoga zerrte den schmächtigen Körper des Jungen auf das Eis. Seine Hände irrten über die leblosen Gliedmaßen, auf der Suche nach Wärme, nach einem Lebenszeichen. Aber das blasse Gesicht unter dem Gewirr nasser dunkelbrauner Haare hatte den Tod in seinen Zügen.


-- Ende --


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