Für die Göttin leben

...und eventuell auch sterben

Act I -- Konfrontation

© 1999 by Sunwind

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"Es ist alles in Ordnung. Du hast überlebt", erklang diese beruhigende und dennoch kühle Stimme. Überleben. Was bedeutete das Wort in einer Welt, wo der Tod überall lauerte?

"Du hast überlebt." Gedankenfetzen umschwirrten das Gehirn des von offenen Wunden schwer zugesetzten Jungen mit dem braunen Pferdeschwanz.. Hatte es sich wirklich gelohnt zu überleben? All diese Qualen und Schmerzen, sowohl physisch als auch psychisch. Rentierte es sich tatsächlich, für dieses Objekt durch die Hölle zu gehen?

Ein Saint zu werden. Den legendären Kriegern Athenes anzugehören, das war schon immer sein Traum gewesen. Deswegen verzichtete er auf den Reichtum seines Hauses, deswegen kam er freiwillig in die unwirtliche Tundralandschaft Sibiriens. Aber wirklich nur deswegen?

"Steh auf!" schallte die Stimme wieder. Diesmal schon in einem wesentlich schärferen Ton. "Du hast die Prüfung bestanden. Nun bist du der Corona Borealis Silver Saint. Du wirst noch genügend Schmerz und Leid in deinem Saintdasein erleben müssen. Steh auf und pack deine Sachen. Wir werden morgen nach Griechenland fliegen, um dich der Göttin vorzustellen."

Die Stimme verschwand wieder, wie der Schatten, der sich gerade eben noch über den Jungen gebeugt hatte. Dafür erschien eine mit mythischen Motiven verzierte silberne Box neben ihm. Mit Mühe rappelte sich der Junge auf, legte sich die Box auf die Schultern und humpelte dem Schatten hinterher.

Zurück blieben die Leichen von drei anderen erschlagenen Jugendlichen, deren leblose Körper nur vom Weinen des eiskalten Nordwindes gestört wurden.

* * *

Der Junge schien wirklich gute Arbeit geleistet zu haben, wenn man dem Lächeln im Gesicht seines Meisters trauen könnte. Aber dieser wortkarge Mann mit dunkelblauen Haaren hatte noch nie einen erfreulichen Anlass in all den Jahren gehabt, um ein Lächeln aufzusetzen. Eher waren es seine Schüler gewohnt, sein Grinsen als Zeichen für anstehende Strafen, die oftmals tödlich endeten, zu interpretieren. Doch diesmal lächelte er wirklich, aus ganzem Herzen! Und sogar aus Freude! Zumindest einer seiner Schüler hatte es geschafft, das Training auf der Canon-Insel bei Australien zu überleben.

Death Queen Island war als Trainingsstätte spätestens nach dem letzten Vulkanausbruch unbrauchbar geworden. Die Insel hatte Phoenix Ikki sowieso noch nie gemocht. Zu viele Dinge waren auf ihr passiert, die er am liebsten aus seinem Gedächtnis verbannen möchte. Aber nun gehörte dies alles der Vergangenheit an. Auf der Canon-Insel schaffte er sich eine neue Existenz und war sogar bereit, auf Athenas Veranlassung Schüler für die Saintausbildung anzunehmen, obwohl er die Göttin noch nie richtig leiden konnte.

Insgesamt hatte er 14 Schüler gehabt, anfangs. Nach den Strapazen von über vier Jahren hatte es dann doch wirklich noch ein Einziger geschafft, das Southern Cross Cloth aus der Höhle an der Bergspitze der Insel herauszuholen, und das inmitten der unberechenbaren Monsunzeit. Ikki grinste wieder. Sein jetziger Musterschüler, ein Junge mit nackenlangen schwarzen Haaren, würde sicherlich ein besserer Silver Saint werden als sein Vorgänger, der Ghost Saint Southern Cross Christo, den sogar Hyoga hatte besiegen können.

"Morgen fliegen wir nach Griechenland, um dich der Göttin in Sanctuary vorzustellen. Mache dich fertig und bereite mir bei der Audienz keine Schande! Ich habe nicht vor, dass du beim Vergleich mit den Schülern der anderen den Kürzeren ziehst!" befahl er dem Jungen, der jetzt gedanklich eindeutig abwesend auf seiner Cloth-Box an einer Klippe saß.

Der lauwarme Südwind schien dabei unbemerkt einen Namen in seine Ohren zu flüstern.

* * *

"Verspätet wie immer, wie?" sagte Cygnus Hyoga zu Ikki, als dieser mit seinem Schüler, dem neuen Southern Cross Silver Saint die große Eingangshalle zum Audienzsaal des Kyokous betrat, wo auch alle anderen Saints versammelt waren. "Immerhin bist du nicht der Letzte. Nachi, Shiryu und Shun müssten aber auch noch gleich kommen." Der Cygnus Bronze Saint verschwand darufhin mit einer Person hinter ihm im Getümmel.

Hyoga war noch nie Ikkis Freund gewesen. Trotz der vielen gemeinsamen Kämpfe behielt der Cygnus Saint stets einen vorsichtigen Abstand zu ihm, und auch der Sieg gegen Hades hatte nichts zur Verbesserung der Stimmung beigetragen. Vielleicht lag es daran, dass Ikki ihn am Anfang während der Jagd um den Saggitarius Cloth fast umgebracht hätte?

Ikki schaute sich um. Die meisten der anwesenden Saints waren ihm unbekannt und er fragte sich, wo Athena nur blieb. Es war ungewöhnlich, dass Shun und Shiryu zu spät kamen. Aber da die Göttin ebenfalls noch nicht da war, würde ihre Verspätung wohl nichts ausmachen. Und dieser Nachi... Der Wolf Saint, den er mit einem Genmaken fertigmachen konnte... Es gab Gerüchte, dass er bereits einen Sohn hätte. "Welche Frau würde so idiotisch sein und sich mit so einem Bastard einlassen?" grinste Ikki im Stillen vor sich hin.

"Wie heißt du eigentlich?"

Die Stimme kam von einem äußerst hübschen Jungen, der eben noch hinter Unicorn Jabu gestanden hatte. Fast hätte man denken können, dass er ein Mädchen wäre, doch weibliche Saints trugen ja für gewöhnlich Masken. Freundlich schaut er Ikkis Schüler an.

"Wer? Ich?" Anscheinend war der neue Silver Saint nicht auf die Frage des blonden Jungen gefasst. "Ich, äh, ich bin der Southern Cross Silver Saint", sagte er, wie es ihm Ikki beigebracht hatte. "Mein Name ist Ni. Und wer bist du?"

"Piscis Austrinus Bronze Saint Fréderic! Freut mich, dich kennenzulernen!" Sein Lächeln war dabei so unverschämt süß, dass Ni errötend seinen Kopf senken musste.

"Ich habe schon sehr viel über dich und deinen Meister gehört!" fuhr der Kleine voller Begeisterung fort. "Ihr wart doch auf einer Vulkaninsel oder so. Dein Training muss ja ungeheuerlich hart gewesen sein. Also, in Algerien war's nicht so anstrengend..."

"Fréderic!"

Sein Redefluss wurde von einer rauhen Stimme unsanft unterbrochen.

Gereizt drehte sich der Junge um. "Was ist, Mbega?"

Jetzt sah Ni einen weiteren Jugendlichen in rotgelber Rüstung hinter Fréderic.

"Der Meister sagt, dass du nicht soviel quatschen solltest. Und erst gar nicht mit einem Schüler des Truthahns! Komm mit zurück!"

Truthahn?

Es war ihm zwar bekannt, dass sein Meister unter den Saints nicht gerade sehr beliebt war, aber ihn als Truthahn zu bezeichnen, war eindeutig zu viel. Was erlaubte sich dieser Typ aus Ketchup und Senf eigentlich?

Ni wollte gerade zu ihm gehen und ein paar nette Worte mit ihm wechseln, bevor er dem rothaarigen Jungen seine Faust in dessen Gesicht knallte, als Fréderic sein Vorhaben verbal unterbrach.

"Wenn ich vorstellen darf: Mein Mitschüler Fornax Bronze Saint Mbega."

"Freut mich." gab Ni kühl von sich.

"Das Vergnügen ist ganz meinerseits", antwortete der Fornax Saint noch kühler. "Doch entschuldige bitte. Unser Meister erwartet uns." Mbega zerrte Fréderic mit sich in Richtung Unicorn Jabu, der ziemlich böse in Nis Richtung schaute. Dabei gab Fréderic ein süffisantes Lächeln von sich.

"Du wolltest gerade zuschlagen, nicht wahr?" Plötzlich war Ikki hinter Ni erschienen.

"Nein, ich meine, ja! Dieser Typ war so unverschämt Ihnen gegenüber. Ich konnte sein Benehmen nicht dulden."

"Leugnen ist zwecklos. Jeder einigermaßen gut ausgebildete Saint hier im Raum konnte dein aggressives Cosmo fühlen." Ikki grinste. "Dieser Fornax Saint da, seinen Vorgänger habe ich mal mit einem Genmaken erledigt. Anscheinend hat ihm Jabu nichts Ordentliches beigebracht." Er grinste jetzt noch mehr. "Siehst du seine rechte Schulter? Da ist sein Schwachpunkt. Er ließ ihn gerade die ganze Zeit ungedeckt. Wenn du mal gegen ihn antreten solltest, nimm dir seine Schulter vor!"

* * *

"Die Göttin ist angekommen!" schrie irgendeiner in den Raum hinein und sofort konnten es alle Saints fühlen. Dieses mächtige Cosmo, so gewaltig und doch so sanft, besaß nur eine einzige Person auf der Welt: Die griechische Göttin der Weisheit und des Krieges, Athens Stadtpatronin, die oberste Anführerin aller Saints, Pallas Athena, war nun in der Sanctuary angekommen.

Ehe die meisten Saints in der Lage waren, noch einmal nachzuschauen, ob ihre Cloths und Haare ordentlich saßen, betrat Saori Kido, wie die Göttin mit irdischem Namen hieß, die Eingangshalle in Begleitung von ihrem Butler Tatsumi, der eindeutig gealtert war, und Andromeda Shun, der überraschenderweise sein Cloth nicht trug. Sechs ganze Jahre lang hatte Ikki die beiden nach dem verlustreichen Sieg gegen Hades nicht mehr gesehen. Shun besaß immer noch sein mädchenhaftes Gesicht, obwohl er bereits 19 war. Der Andromeda Saint begrüßte Ikki mit einem Lächeln.

"Früher hätte er mich Nii-san-rufend umarmt", erinnerte sich der Phoenix Saint. "Vielleicht ist er doch noch ein bisschen erwachsener geworden."

"Heute, nachdem ihr vor gut sechs Jahren euere Schüler entgegengenommen habt", sagte Saori, als sich die allgemeine Unruhe gelegt hatte, "ist nun die Zeit gekommen, die Aufgaben im neu aufgebauten Sanctuary zu verteilen."

Die Graude-Foundation hatte Unmengen von Geldern in den Wiederaufbau der zerstörten Zodiac Tempel gesteckt. Es war erstaunlich, wie ein so junges Mädchen in der Lage war, einen so riesigen Konzern zu leiten, aber sie war ja eine Göttin, zumindest eine Reinkarnation.

"Ich habe euch heute zusammengerufen, um euch den neuen Kyokou von Sanctuary vorzustellen. Er wird einer von euch sein."

Dieser Satz löste eine Welle der Überraschung unter den Anwesenden aus. Der neue Kyokou, der uneingeschränkte Herrscher von Sanctuary, der nur Athena, der Göttin selbst, unterstellt war. Seit Gemini Sagas Tod war diese Stelle immer vakant geblieben. Und heute sollte diese Position neu besetzt werden! Da kein einziger Gold Saint den letzten Kampf gegen Hades überlebt hatte, musste wohl ein niedrigerrangige Saint den Posten antreten. Es war auch klar, dass nur die Saints der älteren Generation als Kandidaten in Frage kamen. Doch trotzdem oder gerade deshalb herrschten laute Vermutungen, wer wohl der nächste Kyokou sein würde.

"Ich habe lange überlegt, wer für diesen Posten wohl am geeignetsten wäre", fuhr Saori fort. "Und ich habe mich entschieden. Der neue Kyokou von Sanctuary wird Andromeda..."

"Halt!"

Jedem Saint war klar, dass jetzt der Name Shun fallen musste. Um so überraschter waren sie alle, als Saoris Rede von einem unbekannten jungen Mann unterbrochen wurde, dessen Cloth vollständig von einem Umhang verhüllt war. Er war bisher noch keinem im Raum aufgefallen, doch jetzt fühlten alle, wie sein Cosmo aggressiv zu brennen begann.

"Wie kannst du es wagen, die Göttin zu unterbrechen!" fauchte Unicorn Jabu, der aber von der Göttin mit einer Handbewegung zu Ruhe gebeten wurde.

"Was willst du mir sagen?" sprach Saori ruhig zu dem jungen Mann. "Welcher Konstellation gehörst du an? Wer ist dein Meister? Du bist sicherlich ein Saint, doch warum verbirgst du dein Cloth unter deinem Umhang?"

"Ich bin der Ziehsohn des ehemaligen Wolf Bronze Saints Nachi. Mein Name ist Aisas!"

"Also, Aisas. Was führt dich hierher? Wo ist denn dein Vater?" fragte Saori wieder.

"Meine Beweggründe sind vorerst unwichtig. Was den ehemaligen Wolf Saint betrifft, seht selbst!"

Aisas warf seinen Umhang beiseite, worunter der Wolf Cloth seines Vaters erschien. Gleichzeitig landete ein Objekt vor Saoris Füßen. Zu ihrem Entsetzen war es nichts anderes als Nachis blutverschmierter Kopf.


Weiter mit Act 2


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